Die populäre Musik Äthiopiens III

Hier nun, nach einer längeren Pause, der dritte Teil der Geschichte der populären Musik Äthiopiens.

Die Siebziger Jahre – Revolution und Musikkassette

Die tiefgehendsten Veränderungen im Land und damit auch in der Musikszene brachte jedoch das Jahr 1974. Die Unzufriedenheit mit dem anachronistischen Regime Haile Selassies verwandelte sich im Februar des Jahres in eine offene Revolution. Sehr schnell übernahm das Militär die Führung im Land. Nachdem sich in internen Machtkämpfen der Oberstleutnant Mengistu Haile Maryam (መንግሥቱ ኃየለ ማርያም ‘Mängəstu Haylä Maryam’) an der Spitze des Macht ausübenden Offizierkomitees Derg (ደርግ ‘Därg’) behaupten konnte, begann die Zeit des Roten Terrors (ቀይ ሽብር ‘Qäy Šəbbər’) mit der Verfolgung vermeintlicher und wirklicher Oppositioneller und ‘Konterrevolutionäre’. Die ersten, die das Mißtrauen der Machthaber hervorriefen, waren Intellektuelle und Künstler, von denen viele ins Exil gezwungen wurden. Einige gingen in Nachbarstaaten wie in den Sudan oder in die Golfstaaten, für viele aber wurden Westeuropa und vor allem Nordamerika zum Fluchtziel.

Der Musikszene bescherte die Revolution eine nächtliche Ausgangssperre, die das Nachtleben praktisch zum Erliegen brachte. Diese schwierige Situation führte jedoch dazu, daß etwas neues entstand: viele Leute begannen nun, Kneipen in ihren Wohnungen zu eröffnen, die bald zum Ersatz für die Tej-Bet (ጠጅ ቤት ‘Ṭäǧǧ Bet’) und Bunna-Bet (ቡና ቤት ‘Bunna Bet’) wurden. Die Azmaris, die bis dahin Bars und Restaurants in Piazza, Kazanches und anderen Stadtvierteln Addis Abeba’s belebt hatten, wichen in diese privaten Lokale aus. Neben der Ausgangssperre veränderten jedoch weitere Restriktionen und Maßnahmen auf Dauer die Musikszene. Die Beschränkung der Reismöglichkeiten verhinderte das Herumreisen der Azmaris auf dem Land, die gewohnt waren von einem Ort zum nächsten reisend ihren Lebensunterhalt auf Familienfesten und Marktplätzen zu verdienen.

Die Regierung ihrerseits versuchte, wie ihre Vorgängerin, die Musik für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Bekannte Sänger und Bands wurden im In- und Ausland auf Tournee geschickt, um für die nationale Sache zu werben. Im Inland mußte die neue sozialistische Politik der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden und für den Kampf gegen die Aufstände in den Regionen Eritrea1 und Tigray mobilisiert werden.

Für diese Form der Propaganda, in der Nationalbewußtsein, Stolz auf die eigene Kultur und Geschichte und besonders die Einheit der Nationalitäten Äthiopiens betont werden sollte, erfuhren die traditionellen Orchester (ባህላዊ ኦርኬስትራ ‘Bahəlawi Orkestra’) eine unerwartete Aufwertung. Die propagandistische Wirkung folkloristischer Musikdarbietungen, in denen die traditionellen Tänze der einzelnen Nationalitäten immer einen zentralen Platz hatten, wurde mit der Einführung des Fernsehen noch vergrößert. Indem auf der Bühne alle in Äthiopien lebenden Kulturen friedlich miteinander sangen und tanzten, wurde ein Gegenbild zu den Ansprüchen und Forderungen der gegen die Regierung kämpfenden ethnisch basierten Widerstandsbewegungen geschaffen. Die modernen Tanzbands, die Zämänawi Muziqa (ዘመናዊ ሙዚቃ ‘Zämänawi Muziqa’) spielten und mit großen Bläserformationen ausgestattet waren, verloren dagegen an Bedeutung. Die Tanzmusik als Symbol des Mondänen und Bürgerlichen paßte aber auch nicht mehr in eine revolutionäre Gesellschaft, die sich nun mehr an den politischen Ideale des Marxismus-Leninismus orientierte.

Zu ihrem Verschwinden trugen allerdings neben politischen Veränderungen auch technische Errungenschaften bei. Als nur noch die kleineren privaten Bands, vor allem die verschiedener Hotels, die moderne Tanzmusik vertraten, setzte sich mit dem Beginn der achtziger Jahre das Keyboard als neues Instrument durch. Von den Bläsern war in diesen Bands, wie zum Beispiel die aus der Ibex Band hervorgegangene Roha Band, nur das Saxophon übriggeblieben.

So brachte die Einführung der Kompaktkassette auf dem äthiopischen Musikmarkt einen fundamentalen Wandel mit sich. Bislang war, neben dem Radio, die Schalplatte das einzige Medium der Verbreitung von Musik gewesen. Einen Plattenspieler hatte aber nicht jeder und so beschränkte sich der Konsum von Schallplatten auf einen relativ kleinen Kreis von wohlhabenderen Stadtbewohnern. Dies änderte sich sehr schnell mit dem Auftauchen der Kassette. Kassettenrecorder, besonders die billigeren Modelle aus China, waren einfacher zu bekommen als Schallplattenspieler und Kassetten erwiesen sich als robuster und praktischer als empfindliche Schalplatten. So konnten sich jetzt die neuesten Produktionen aus Addis Abeba bis in die kleinsten Ortschaften verbreiten. Der tragbare Radiorekorder löste überall das Transistorradio ab und billige Raubkopien trugen ebenfalls mit zur weiteren Verbreitung der neuesten Titel bei.

  1. Eritrea gehörte damals noch zu Äthiopien. []

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  1. Adrian’s avatar

    Danke für die tolle Übersicht. du kannst dir gar nicht vorstellen wie nützlich mir die drei Berichte waren.
    Ich werde übrigens im Februar nach Äthiopien fahren um meine Liz-Forschung durchzuführen, auch zum Thema Musik. Falls du dort bist können wir uns ja mal in einem Tej-Bet treffen oder so.
    Danke!!!

  2. Andreas’s avatar

    Danke für das Lob, Adrian!

    Eigentlich fehlen noch zwei Teile. Ich hoffe, sie noch in den kommenden WOchen überarbeiten zu können. Ich werde wohl leider nicht im Februar in Äthiopien sein.

    Gruß

    Andreas

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