Die populäre Musik Äthiopiens I

This text is part of a longer article about the history of the popular music of Ethiopia. It is a revised version of a text I had written in the year 2000 and which had been published as a chapter in a book about African Music.1 Since the book was published in German the text exists unfortunately only in that language (at the moment).

Dies ist der erste Teil eines längeren Texts über die Geschichte der populären Musik Äthiopiens. Dabei handelt es sich um die Überarbeitung eines älteren Textes aus dem Jahr 2000.2 Der Text besteht aus fünf Abschnintten, die ich im Verlauf der kommenden Wochen hier veröffentlichen werde.

Azmaris und Armee

Bis zum Zweiten Weltkrieg beschränkte sich die moderne Musik in Äthiopien auf militärische Marschmusik. In den ersten Jahrzehnte diese Jahrhunderts hatte Äthiopien keine nationale Armee. Der Aufbau einer solchen Armee war daher das Hauptinteresse des Tronregenten Ras Täfäri Mekonnen (ራስ ተፈሪ መኰንን3 ‘Ras Täfäri Mäkonnən’)4 und späteren Kaiser Haile Selassie (ኃይሌ ሥላሴ ‘Hayle Səlase’) auf dem Weg zur Macht in den Jahren 1917 bis zu seiner Krönung 1930. Ein wichtiges symbolisches Element einer modernen Armee ist die Marschkapelle, die die Truppe nach außen hin repräsentiert. So nahm Ras Täfäri während einer Reise nach Jerusalem eine Gruppe junger Armenier, die dem Genozid der Türken entkommen waren, mit nach Äthiopien und machte sie zum ersten offiziellen Orchester des Landes. Dieses Orchester war auch unter dem Namen Arba Liǧočč (አርባ ልጆች ‘die Vierzig Jungs’) bekannt. Von dieser Zeit an hatten Armenier eine besondere Stellung in der Entwicklung der modernen Musik Äthiopiens. Der Leiter des Orchesters Kevork Nalbandian komponierte die erste Nationalhymne, die bis zur Revolution im Jahre 1974 in Gebrauch war. Er war auch derjenige, der nach der Vertreibung der Italiener 1941 von Haile Selassie beauftragt wurde, die Musik neu zu organisieren und bei dem Aufbau neuer Orchester zu helfen.


Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Äthiopien als Addis Zämän (አዲስ ዘመን ‘Neue Zeit’) bezeichnet. Der Name, den auch seitdem die amharisch sprachige Regierungszeitung trägt, stand für den Neubeginn und Wiederaufbau des Landes nach der italienischen Besetzung. So spielten die verschiedenen modernen Orchester und Tanzbands, die bis Ende der vierziger Jahre in Addis entstanden waren Zämänawi Muziqa (ዘመናዊ ሙዚቃ) – moderne Musik. Alle diese Ensemble und Gruppen waren staatlichen Institutionen zugeordnet: die Orchester der Kaiserlichen Leibgarde Kəbur Zäbäñña (ክቡር ዘበኛ), die Bands der Armee, der Polizei, des Haile Selassie I. Theaters und das Tanzorchester der Stadtverwaltung. Wie überall zu dieser Zeit orientierten sich diese Bands an den damaligen international dominierenden Stilrichtungen in der Tanzmusik, am nordamerikanischen Jazz und an der lateinamerikanischen Musik.

Die Modernisierung der Gesellschaft wurde jedoch auch sehr kritisch betrachtet. Es gab viele Stimmen, die befürchteten, unter dem allzu starken ausländischem Einfluß würde die äthiopische Kultur verdrängt werden. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken war schon 1935 die Hagär Fəqər Mahbär (ሃገር ፍቅር ማሕበር ‘Vereinigung der Heimatliebe’) gegründet worden. Diese wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Ministerium für Information und Propaganda wieder ins Leben gerufen und erhielt die Aufgabe, mit Musik, Tanz, Dichtung und Drama das nationale Erbe zu erhalten und das patriotische Bewußtsein zu verstärken. Darüber hinaus erhielt sie im Jahre 1948 durch kaiserliches Dekret das alleinige Recht für die Produktion und Import von Schallplatten. Bis Ende der sechziger Jahre wurden allerdings nur sehr wenige Platten produziert.

Genau wie die modernen Orchester etablierte sich das Yäbahəl Orkästra (የባህል ኦርከስትራ ‘das Traditionelle Orkester’) der Hagär Fəqər Mahbär, das bis heute im quirligen Geschäftsviertel Piazza ein eigenes Theater, das Hager Fəqər Theater unterhält. Dieses Orchester war eine Innovation in der äthiopischen Musikszene. In ihm wurden zum ersten Mal Azmaris (አዝማሪ), die traditionellen Musiker des äthiopischen Hochlandes, als fest angestellte Musiker und Sänger in einem Ensemble zusammengefasst. Bis heute jedoch spielt ein Azmari im traditionellen Sinne immer alleine und begleitet mit einem Instrument den eigenen oder den Gesang eines zweiten Azmari (männlich oder weiblich). Die Instrumente des Azmaris sind die Krar (ክራር), eine sechssaitge Version der in ganz Ostafrika verbreiteten Leier, oder die Masənqo (ማስንቆ), eine einsaitige Fidel, wie sie überall zwischen Äthiopien und Marokko zu finden ist. Im Bahil Orkestra der Hagär Fəqər Mahbär spielten nun zum erstenmal Azmaris aus verschiedenen Regionen Äthiopiens als Gruppe zusammen. Dabei orientierte man sich vielmehr an den Vorbildern aus Europa und Nordamerika als man es vielleicht zugeben wollte. Denn das Zusammenspiel mehrerer Instrumente auf einer Bühne als Begleitung eines oder mehrerer Sänger war etwas ganz neues, das bis dahin so in der äthiopischen Musik unbekannt war. Dazu trugen die Musiker alle die gleichen traditionellen weißen Anzüge mit langen Hemden aus Baumwolle, vergleichbar der Trachten europäischer Folkloregruppen. Die Instrumente, die gewöhnlich als Einzelstücke, oft vom Azmari selbst, gefertigt wurden, begann man industriell zu produzieren. Die Masənqo beispielsweise gab es in drei verschiedenen Größen, um einen Klang ähnlich dem europäischer Streichergruppen zu schaffen. Die Bägäna (በገና), eine zwölfsaitige Harfe, die fast ausschließlich das Instrument religiöser Balladen und Hymnen gewesen war, wurde, wie die Krar, mit Nylon- oder Stahlsaiten versehen und elektrisch verstärkt. Diese beiden Instrumente füllten dadurch die Rolle von Gitarre und Baß aus. Ergänzt wurde das Orchester mit einem Schlagzeug, welches aus Trommeln verschiedener Größe, die der traditionellen Trommel, der Käbäro (ከበሮ) nachempfunden waren.

Neben den technischen und strukturellen Neuerungen, die im Bahəl Orkästra eingesetzt wurden, war die bedeutendste Leistung das Zusammenspiel von Musikern, die gewohnt waren, allein zu spielen und teilweise aus den verschiedensten Regionen des Landes kamen und unterschiedliche Musiktraditionen mitbrachten.

Um das Zusammenspiel der Musiker zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, entwickelten zu Beginn der siebziger Jahre Angehörige des Orchestra Ethiopia5 ein Notationssystem für diese neotraditionelle Musik, das von der Meleket Notation der orthodoxen Kirchenmusik inspiriert wurde6. Das System benutzt eine Kombination von Schriftzeichen und Piktogrammen, die den Musikern Hinweis über Spielmodus, Tempo, Spielweise und Melodieverlauf geben.

So ist es beispielsweise gar nicht nötig, so etwas wie Noten zu notieren. In der amharischen Musik Äthiopiens beruht das Liedinventar zum großen Teil aus sogenannten qəññət (ቅኝት), die bei allen Azmaris bekannt sind und auf die nur mit einem einzigen Zeichen in der Notation verwiesen werden muß, um dem Musiker die zum Spielen notwendige Information zu geben. Am besten lassen die qəññət sich mit den Weisen aus der deutschen Volksmusik vergleichen: Melodie und Rhythmus eines qəññət bleibt fast immer unverändert, nur der dazu gesungene Text ist jeweils ein anderer.

Von den qəññət gibt es in der amharischen Musik vier besonders bekannte, die bis in die Gegenwart aus der äthiopischen Popmusik nicht wegzudenken sind: ančihoy (አንቺሆይ), təzəta (ትዝታ), ambasäl (አምባሰል) und bati (ባቲ). Die ersten beiden bedeuten auf amharisch ‘Oh du (meine Liebe)’ und ‘Erinnnerung’. Ambasäl und Bati sind hingegen die Namen einer Gegend und einer Stadt in der äthiopischen Region Wällo, die berühmt ist für ihre Azmaris.

So entstand ein ganz neuer Klang, der zwar bahlawi (ባህላዊ ‘traditionel’) genannt wurde, aber tatsächlich eine moderne, hybride Musikform war und aus dem im Laufe der Jahre die moderne Popmusik Äthiopiens entstand.

1955 wurde das National Theater gegründet und erhielt neben einer modernen Tanzband ebenfalls ein, dem Hagär Fəqər Theater vergleichbaren, traditionelles Orchester. Während zu dem traditionellen Orchester einige Musiker des Hagär Fəqər Theaters stießen, wurde die moderne Tanzband aus Mitgliedern des stadteigenen Tanzorchesters und verschiedenen Militärbands gebildet. Dieses moderne Orchester spielte ausschließlich auf europäischen Instrumenten, verwendete aber zum Teil schon äthiopische Melodien in seinem Repertoire. In den fünfziger Jahren bildeten diese Bands und Orchester den Nährboden, in dem die Karrieren solcher Sänger wie Aseffa Abate (አሰፋ አባተ ‘Asäffa Abatä’), Shishig Tchekol (ሽሽግ ቸኮል ‘Šəššəg Čäkol’), Etagegnehu Haile (እታገኘሁ ኃይሌ ‘Ǝttagäññähu Hayle’), Asnaqetch Haile (አስናቀች ኃይሌ ‘Asnaqäčč Hayle’), Iyo’el Yohannis (አዮኤል ዮሐንስ ‘Iyo‘el Yohannəs’), Negatwa Kelkay (ንጋቷ ከልካይ ‘Nəgatʷa Kälkay’) und Tilahun Gessese (ጥላሁን ገሠሠ ‘Ṭəlahun Gässäsä’).

Im Alter von 12 Jahren verließ Tilahun Gessese 1953 seine Heimatstadt Weliso (120 km südwestlich von Addis Abeba) und ging in die Hauptstadt. Dort wurde er zuerst Sänger im Hagär Fəqər Theater und begann damit eine einzigartige Karriere, die bis 2009 anhalten sollte7. Im Lauf seines Lebens nahm er mehrere hundert Lieder in den Sprachen Amharisch und Oromo auf. Bis heute gilt Tilhaun Gesesse als der größte Sänger Äthiopiens und ist bei allen Generationen und sogar über die Landesgrenzen hinweg beliebt.

  1. ‘Sweet Mother’ by Wolfgang Bender []
  2. Den ursprünglichen Text hatte ich als ein Kapitel für das mittlerweile vergriffene Buch ‘Sweet Mother. Afrikanische Musik’ von Wolfgang Bender geschrieben. []
  3. Dieser Text beinhaltet Wörter in äthiopischer Schrift. Um diese im Browser sehen zu können, muss auf dem Computer des Betrachters ein Unicode-Zeichensatz installiert sein, der die äthiopischen Schriftzeichen beinhaltet. Freie Zeichensätze sind beispielsweise der Zeichensatz Jiret oder Abyssinica SIL. []
  4. Die Schreibung amharischer Namen in lateinischer Schrift gestaltet sich hin und wieder als problematisch. So wird ein Name häufig in den verschiedenen europäischen Sprachen unterschiedlich geschrieben. Ich gebe hier in Klammern zusätzlich die amharische Form an, gefolgt von der Schreibweise, wie sie in der Äthiopistik verwendet wird. []
  5. Ein traditionelles Orchester des 1963 gegründeten Creative Arts Center in der Universität Addis Abeba. []
  6. Dieses Notationsystem orientiert sich in Teilen an dem Systenm der Kirchenmusik. In diesem System werden einzelne Buchstaben, die auf eine bekannte Melodie verweisen über die Textstelle geschrieben, die genauso gesungen werden soll. (Kaufman Shelemay, Kay. 1983. ‘A New System of Musical Notation in Ethiopia’. in: Stanislav Segert und András J.E. Bodrogligeti (Hrsg.) Ethiopian Studies – Dedicated to Wolf Leslau. 571-582. []
  7. Tilahun Gessese verstarb am 19. April 2009. []

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  1. Barbara Lehar’s avatar

    Danke! Der Text hat mir sehr viel geholfen bei einer Übersetzung über afrikanische Musikinstrumente und äthiopische Musikgeschichte!!!

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